30.11.2010

Dr. Jürgen Spieß

Dostojewski und das Neue Testament

In einem neuen Sammelband über Dostojewski beginnt Ludolf Müller seinen Aufsatz über die Religion Dostojewskis mit folgenden Worten: „Die Frage nach der Religion Dostojewskis, nach seiner ethisch-religiösen Weltanschauung, ist für das Verständnis seiner Werke grundlegend. Überall in seinen großen Romanen spielt diese Frage eine entscheidende Rolle, sie alle kreisen um sie, und ohne Verständnis seines religiös-philosophischen Ansatzes kann man Sinn und Gehalt seiner Romane nicht angemessen, nicht richtig verstehen.“ In meinem Referat geht es um die Frage, welche Rolle das Neue Testament im Leben und Werk Dostojewskis spielte. Dostojewski selbst schrieb: „Ich stamme aus einer frommen, russischen Familie. Von meiner frühesten Kindheit an erinnere ich mich der Liebe meiner Eltern. In unserer Familie kannten wir die Evangelien beinahe schon von der Wiege an.“ Eine bewußte Hinwendung zum christlichen Glauben geschah allerdings erst in seiner Zeit im Straflager, in der Katorga, in der Nähe von Omsk in Sibirien (1850–1854). Auf dem Wege dorthin wurde ihm ein Neues Testament geschenkt. Das Neue Testament war das einzige Buch, das in der Katorga erlaubt war. ... Dieses Exemplar des Neuen Testaments wurde 1983 im Lenin-Museum in Moskau von dem norwegischen Dostojewski-Forscher G. Kjetsaa, der auch eine Biographie über Dostojewski geschrieben hat , ausgewertet. Es finden sich etwa 200 Anstreichungen bzw. Anmerkungen in dieser Ausgabe, und zwar betreffen sie 21 der 27 Bücher des Neuen Testaments. Das Markusevangelium wird zweimal, das Lukasevangelium siebenmal, aber der 1. Johannesbrief sechsmal, die Offenbarung des Johannes 16mal, das Johannesevangelium 58mal angestrichen. Ein Grund dafür ist sicher, daß das Johannesevangelium das Evangelium der Ostkirche ist. Für die Bevorzugung des Johannesevangeliums spricht nach Kjetsaa aber auch, daß das Johannesevangelium in besonderer Weise die Tatsache betont, daß Jesus der Eine ist, in dem sich Gott den Menschen offenbart. In den Notizen zu den „Dämonen“ schrieb Dostojewski: „Es ist nicht Christi moralisch-menschliches Beispiel, noch seine Lehre, die die Welt retten werden, nein, es ist allein der Glaube, daß das Wort Fleisch wurde.“ Eine Vorliebe hatte Dostojewski für Abschnitte, die sich mit dem Gericht Gottes und mit Ermahnungen in der Bibel befassen. Darüber hinaus kann man drei Themen in besonderer Weise beobachten : 1. Wie kommt man vom Zweifel zum Glauben? 2. „Auferstehung“, und 3. die Person Jesu Christi

(Leicht geänderte Fassung eines Vortrags, der im Jahrbuch der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft 1999 (Band 6, Hrsg. R.Opitz u.a., S.121–132) abgedruckt wurde.)

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Dostojewskij - 29.11.2010 20:39

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