29.11.2010

Prof. Dr. Reinhard Löw

Evolutionismus in naturphilosophischer Kritik

Wenn im folgenden der Evolutionismus einer Kritik unterworfen wird, so ist von vornherein darauf zu verweisen, daß er sich wesentlich unterscheidet von der Evolutionstheorie, so wie sie von Darwin zuerst konzipiert wurde. Im ersten Abschnitt wird daher diese Unterscheidung zu präzisieren sein, da im zweiten der Evolutionismus naturphilosophisch kritisiert wird. Der dritte Abschnitt schlägt eine Vermittlung von Evolutionstheorie und Philosophie vor, welcher zugleich die Spannung zwischen ersterer und dem christlichen Glauben beseitigen soll.

Gemäß dem Evolutionismus ist der Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Erklärung aller Phänomene der Wirklichkeit der Urknall mit seiner Entstehung von Materie und Naturgesetzen, denen dann später Mutation, Selektion usf. als Erklärungsprinzipien folgen. In Wahrheit ist aber der Ausgangspunkt für Erklärungen aller Art, einschließlich der naturwissenschaftlichen, unsere je eigene Erfahrung unserer jetzigen Wirklichkeit. Erfahrung meint nicht privilegiert die naturwissenschaftliche Erfahrung mit ihren Kennzeichen der Quantifizierbarkeit, Reproduzierbarkeit, Prognosefähigkeit, sondern Erfahrung ist zunächst nichts als der Oberbegriff für alle möglichen Erfahrungen, denen ich passiv ausgesetzt bin oder die ich aktiv mache. Die bedeutsamsten Erfahrungen im Leben sind gewöhnlich gerade nicht reproduzierbar, sondern haben Einmaligkeitscharakter: das Schaffen oder Erfassen eines Kunstwerks, die eine große Liebe, das Glaubenserlebnis. Wer das alles (wie der konsequente Evolutionist und Soziobiologe) für Illusionen hält, den muß man nach seiner Kompetenz für diese These fragen. Wen nämlich pflegen wir als kompetent für eine gewisse Art von Erfahrungen anzusehen: den, der sie gemacht hat, oder den, der keine Ahnung davon hat? Wer kann kompetent über Liebe reden: der glückliche Familienvater oder der regelmäßige Bordellbesucher? Und wer ist kompetent, die Schönheit des Streichquartetts von Anton Bruckner zu beurteilen: der unmusikalische Fachmann für Akustik oder der Musikliebhaber, der sie vielfach gehört hat? Am brisantesten ist natürlich die Frage für den Glauben: Soll gerade der Glaube von denjenigen »objektiv« beurteilt werden können, die wie E. Haeckel Gott für ein gasförmiges Wirbeltier, die wie K. Marx die Religion für Volksopium oder die wie H. v. Ditfurth die christlichen Glaubenszeugnisse für evolutionistisch obsolet halten? Die konkrete Erfahrung der Wirklichkeit ist Ausgangslage aller Erklärungen. Erfahrung von Sinn, von Einmaligkeit, von Größe, Schönheit, Liebe sind nicht nur nicht weniger »real« als die naturwissenschaftliche Erfahrung, sondern sie verleihen umgekehrt dieser erst eine Dimension, die sie von sich selbst her nicht hat. Wenn ein großer Naturwissenschaftler mit gutem Recht von seiner Erfahrung, Berufung, Verantwortung spricht, dann meint er Erfahrung ja bestimmt nicht im Sinne von Quantifizierbarkeit oder gesetzmäßiger Reproduzierbarkeit. Weil Naturwissenschaft betreiben selbst menschliche Handlung mit hohem Anspruch und hoher Würde ist, gehört ihr auch ein Ehrenplatz in der menschlichen Kultur. Nur wenn sie, als Evolutionismus, daran ginge, alle übrigen Ehrenplätze zu zerstören, sind Klarstellungen vonnöten.

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