02.12.2010
REZENSIONEN

Globalisierung ja – aber anders
Hermann Sautter baut auf den IWF und die Kirchen

Rezension von Prof. Dr. Hartmut Kreikebaum

Wer für eine bessere Globalisierung plädiert, stellt diese nicht grundsätzlich in Frage, sieht aber deren Schattenseiten. Hermann Sautter, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre in Göttingen, betrachtet in der Tat die Globalisierung als einen ambivalenten Prozess. Er erkennt deren Vorteile – Einkommens- und Produktivitätssteigerungen durch niedrigere Preise, globalen Handel, Einsatz von Finanzkapital und internationale Verbreitung von Wissen -, er verhehlt aber auch nicht ihre negative Folgen. Zwischen der Beteiligung am Globalisierungsprozess und den Erfolgen bei der Armutsbekämpfung bestehe zwar generell ein positiver Zusammenhang, doch stelle die „absolute Armut“ (weniger als ein Dollar Einkommen pro Tag) für über eine Milliarde Menschen in Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika, ein gravierendes Problem dar. Der „Norden“ benachteilige den „Süden“ zum Beispiel systematisch in der Handels- und Zollpolitik, durch den Schutz einheimischer Agrarmärkte, die Subventionierung von Agrarexporten sowie durch eine ungleiche Lastenverteilung der globalen Umweltverschmutzung – Sautter spricht hier von einer „ökologischen Schuld“ der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern.

Den Experten für Entwicklungsökonomik und internationale Ordnungsregeln bedrängt in diesem Zusammenhang das Dilemma zwischen dem grundsätzlichen Interesse jedes Landes an international verbindlichen Regeln einerseits und nationalstaatlicher Souveränität auf der anderen Seite. Zum Glück sei dieses Dilemma jedoch nicht unlösbar. Den Regelverletzungen eines Landes könnte man kurzfristig durch Anreize und Sanktionen anderer Staaten begegnen. Nur eine wirtschaftspolitische Umpolung der Industrieländer garantiere langfristig eine funktionsfähige globale Ordnung. Als Sautter im Mai 2008 dem Verlag das Buchmanuskript dem Verlag übergab, war das ganze Ausmaß der Banken- und Finanzkrise noch nicht absehbar. Man muss dem Verfasser eine nahezu seherische Fähigkeit attestieren, dass er vier Monate vor dem schweren Einbruch der Immobilien- und Finanzmärkte die Sätze niederschrieb: „Die internationalen Währungs- und Finanzbeziehungen unterliegen einem hohen Stabilitätsrisiko. Es geht aus von intransparenten und teilweise unregulierten Transaktionen. Vermutlich werden energische Schritte zur Regulierung erst dann unternommen, wenn sie die nächste große Krise ausgelöst haben.“ Sautter erklärt die Möglichkeiten für eine bessere Globalisierung aus der Perspektive eines fundiert argumentierenden Ökonomen, aber auch für Laien verständlich. Auch schlägt er konkrete Maßnahmen vor, um die Überwachungsfunktion des internationalen Währungsfonds zu stärken und zu einer effektiveren Entwicklungszusammenarbeit zwischen Nord und Süd zu gelangen. Speziell im Hinblick auf Afrika sieht er einen positiven Beitrag christlicher Kirchen und Gemeinden zur Friedensstiftung. Der Glaube motiviere zum Widerspruch gegen alle menschenunwürdigen Verhältnisse in Politik, Gesellschaft und gegen einen schrankenlosen Sozialdarwinismus, schreibt Sautter. Die Übernahme einer globalen Verantwortung zeige sich aber nicht nur in einer Protesthaltung gegenüber jedem einseitigen Nützlichkeitskalkül. Es gehe um einen Erneuerungswillen, der dem Globalisierungsprozess ein menschliches Gesicht gebe.

Prof. Dr. Hartmut Kreikebaum in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 9. Februar 2009, S. 14.

 

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