02.12.2010
REZENSIONEN

Globalisierung: Vorzüge und Schattenseiten

Rezension von Klaus Wilkens

Die Debatte um die Globalisierung ähnelt nach wie vor einem Dialog unter Gehörlosen. Gegner und Befürworter verharren auf festgefahrenen Standpunkten. Da kommt das neue Buch von Hermann Sautter zur rechten Zeit. Er ist als Ökonom mit Jahrzehnte langer Tätigkeit in Forschung und Lehre ausgewiesen und hat sich auch als Fachmann in Fragen der Entwicklungspolitik einen Namen gemacht. Seine Globalisierungsthesen lassen sich weder auf die Position der fundamentalkritischen Globalisierungsgegner noch auf die nicht minder ideologisch begründete Position derer festlegen, die im Interesse einer maßlosen Profitmaximierung auf die Deregulierung der Märkte drängen. Sautters Grundthese lautet, dass es zur wirtschaftlichen Globalisierung keine sinnvolle Alternative gibt. Alle Versuche, sie zu „überwinden“ oder sich aus dem Globalisierungsprozess „auszuklinken“, seien zum Scheitern verurteilt. Sie habe vielmehr unbestreitbare Vorzüge und zugleich erhebliche Schattenseiten. Daraus ergibt sich für ihn ein dringlicher Handlungsbedarf: Der Globalisierungsprozess müsse mittels globaler Ordnungspolitik so gestaltet werden, dass Chancengerechtigkeit für einkommensstarke und einkommensschwache Länder geschaffen wird, die Krisenanfälligkeit des globalen Währungs- und Finanzsystems durch eine Regulierung des internationalen Kapitalverkehrs gemindert wird und die Erhaltung der „globalen Kollektivgüter“ wie Klimaschutz gewährleistet ist . Seine Analysen sind detailliert und konkret belegt und darum durchweg überzeugend. Nur an einzelnen Punkten stellen sich Fragen. Beispielsweise schreibt er, dass die Globalisierung zu einer „Annäherung der Kulturen“ führt, „ohne dass sie dadurch ihre Identität verlieren müssten“. Ist daneben nicht auch festzuhalten, dass „die Homogenisierung der Kulturen, die mit der Globalisierung verbunden ist, Hand in Hand (geht) mit sozialer und ethnischer Fragmentierung, und damit entstehenden kulturellen und sozialen Bruchlinien“, wie Theodor Leuenberger in dem jüngst erschienenen Band „Globale Akteure der Entwicklung“ schreibt? Hervorzuheben ist, dass Sautter deutlich benennt, was die Regierungen der Industrieländer immer wieder herunterspielen: Die Tatsache nämlich, dass sie in beträchtlichem Maße verantwortlich sind für die Armut und die Umweltzerstörung in den Ländern des Südens. Nun beschränkt sich Sautter nicht auf Appelle an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Vielmehr lassen sich für ihn die verschiedenen Dimensionen der Globalisierung nur dann verstehen und bewerten, wenn Klarheit über ihre treibenden Kräfte besteht. Dazu zählt er nicht zuletzt das vorherrschende Verständnis eines „besseren Lebens“, das auf materielle Ziele konzentriert ist, einem starken Trend zur individualistischen Einengung unterliegt und einen kurzen Zeithorizont besitzt. Die wirtschaftliche Globalisierung ist für ihn eine „Erscheinungsform eines globalen Hedonismus“. Sautter sieht hier den christlichen Glauben zu globaler Verantwortung herausgefordert. Er orientiere sich an „einem ganz anderem Bild von ‚Globalität‘, als es der heutigen Wirklichkeit entspricht“. Die kirchliche Diakonie und ihre sozialpolitischen Initiativen sind für ihn darum „eine unverzichtbare Dimension des Glaubens“. Man kann nur wünschen, dass sich Gemeindekreise und Gruppen, die sich mit der Globalisierung auseinandersetzen wollen, Hermann Sautters Buch, das auch für Laien gut zu lesen ist, gründlich studieren.

welt-sichten 12-2008/01-2009

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