30.11.2010
REZENSIONEN

Rezension von Prof. Dr. Markus Mühling

Rezension von Prof. Dr. Markus Mühling

Nach dem Auftakt mit dem fiktiven Gespräch eines Neurowissenschaftlers mit seiner Frau über verschiedene Perspektiven über den Liebesbegriff beginnt das Buch mit einer Einordnung der neueren neurowissenschaftlichen Forschung in die Geistesgeschichte des Abendlandes. Unterteilt ist dieses zweite Kapitel in eine kurze Darstellung der Geschichte der Frage nach einem Dualismus bzw. Monismus zwischen Geist und Materie, in der neben der eigentlichen historischen Darstellung auch Begriffsklärungen hinsichtlich verschiedener Spielarten eines Monismus und Reduktionismus vorgenommen werden (14–26), in ein Teilkapitel über die Bedeutung der soziobiologischen Reduktion mittels des Genbegriffs bei Autoren wie Dawkins, Wilson, Avise, Hamer und Sosis (26–36) und in ein Teilkapitel über die Frage nach der praktischen Bedeutung neurowissenschaftlicher Reduktionismen für das Menschenbild und in diesem implizierte Begriffe wie Subjektivität, Personalität und Leiblichkeit (36–41).
Das anschließende Kapitel stellt die neuen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften vor (42–44), um anschließend ausführlich deren weltanschaulich religiöse Interpretationen zu besprechen. Vf. unterscheidet hier zwei wesentliche Typen: Die Möglichkeit, neurowissenschaftliche Ergebnisse als Begründung oder Bestätigung einer natürlich-mystischen Theologie zu verwenden, was v.a. am Beispiel Newbergs und Aquilis und Austins exemplifiziert wird (45–53), und die Möglichkeit, umgekehrt diese Ergebnisse im Rahmen einer neurobiologisch gestützten Religionskritik zu verwenden, wofür v.a. die Deutungen Persingers besprochen werden (53–60). Das Kapitel wird mit einer Reflexion auf die grundsätzlich vorgängig weltanschauliche Gebundenheit dieser Deutungsversuche und einem ersten Zwischenfazit beschlossen (61–65).
Das folgende vierte Kapitel (66–84) bezieht die gewonnenen Ergebnisse nun auf den christlichen Glauben in Praxis und Theologie und ist seinerseits unterteilt in eine Besprechung der Relation von religiösem Erleben und sprachlicher Deutung (68–76) und in eine Besprechung der Rolle des subjektiven Erlebens und der Gefühle im Rahmen des christlichen Glaubens (76–84). Eine Besprechung des Verhältnisses von außergewöhnlicher religiöser Erfahrung und religiöser Alltagserfahrung (85–91), die nach der Einteilung des Buches schon zum folgenden Kapitel gehört, rundet diesen Gedankengang ab. Dieser Zusammenhang kann als die argumentative Mitte des ganzen Buches betrachtet werden.
Das fünfte Kapitel bietet, von der Einleitung abgesehen, eine ausgewogene Besprechung der sog. Nahtoderlebnisse im Rahmen des christlichen Glaubens als Beispiel für eine als außergewöhnlich eingestufte religiöse Erfahrung (92–113). Verfasser zeigt hier in einer ausgewogenen und anschaulichen Darstellung, dass Nahtoderfahrungen von höchster religiöser Relevanz sein können, aber nicht müssen, und setzt sich von bekannten esoterisch-verengenden Deutungen, wie etwa der bekannten von Kübler-Ross, wohltuend deutlich ab, wenn man auch die Hochschätzung von out-of-body-Erlebnissen zur Stützung eines prinzipiellen Leib-Geist-Dualismus als Überfrachtung der Beweislast empfinden mag.
Das abschließende sechste Kapitel führt in die durch die Neurowissenschaften aufgeworfene Fragestellung nach einer prinzipiellen Willensfreiheit des Menschen oder einem deterministischen, den Willen ausschließenden Weltbild ein (114–152). Dabei werden die damit verbundenen philosophischen Fragen zwar recht kurz, aber dennoch für ein Buch dieser Art konzise dargestellt (114–130), um diese Ergebnisse anschließend auf einen theologischen Freiheitsbegriff reformatorischer Prägung zu beziehen (130–152). Dieser Darstellung der christlichen Freiheit als relatives Befreitsein vom Zwang der Sünde, die als gebundene Freiheit in Bezogenheit zu Gott und den Mitmenschen beschrieben werden kann – eine Darstellung, die man in populären Darstellungen dieser Art über das Thema häufig vermisst –, wird erfreulicherweise ein breiter Platz eingeräumt, so dass – ähnlich dem Achtergewicht der hebräischen Poesie der Psalmen – sich auch der Schlussteil dieses Buches mit Genuss lesen lässt.
Inhaltlich zeigt der Vf. die weltanschauliche Gebundenheit von ontologischen Reduktionismen auf, so dass lediglich methodischen Reduktionismen ein relativer Wert zugestanden wird. Neuronale Korrelate von geistigen Inhalten können auf kompatibilistische Weise als notwendige Bedingungen derselben verstanden werden, unterscheiden sich jedoch vom Inhalt genauso wie sich Empfindungen von Erfahrungen unterscheiden und letztere nicht auf erstere reduziert werden können. Die sprachliche Erfassung von geistigen Inhalten und mit ihr deren in Gemeinschaften und Traditionen vermittelte Bedeutung ist ein durch neuronale Korrelate der Inhalte nicht beschreibbares, unreduzierbares Element. Darüber hinaus lässt der Vf. aber erkennen, dass er selbst nicht für eine kompatibilistisch-monistische Option, sondern für eine dualistische Option, die auch deutlich top-down-Konzeptionen zulässt, votiert. Hinsichtlich der religiösen Erfahrungen zeigt Vf. plausibel auf, dass religiöse Erfahrungen nicht in bestimmten Empfindungen und deren neuronalen Korrelaten aufgehen, sondern ebenfalls der sprachlich sozialen Vermittlung bedürfen und aus theologischer Sicht durch das Konzept der gewissheitsstiftenden Erfahrung des Heiligen Geistes ergänzt werden müssen. Aus der Alltagserfahrung herausgehobene („mystische“) Empfindungen können mit der Erregung bestimmter Hirnareale einhergehen. Aber die Erregung bestimmter Gehirnareale ist dabei genauso wenig hinreichend, um von religiösen Erfahrungen sprechen zu können, wie die introspektive Selbstdiagnose bestimmter aus der Alltagserfahrung herausgehobener Empfindungen. Darüber hinausgehend zeigt der Vf., dass sich wichtige religiöse Erfahrungen, die in den Bereich der Alltagserfahrung gehören, nicht auf bestimmte Klassen von Erlebnissen reduzieren lassen und entsprechend nicht mit neuronalen Erregungen bestimmter Gehirnregionen verbunden sein müssen. Die Frage, was als religiös zu betrachten ist, ist somit keine Frage der Erregung bestimmter Hirnareale, sondern die Definitionsmacht des Religiösen liegt auf der immer sprachlich-kommunikativ vermittelten Sozialität und Intersubjektivität. Positive Effekte der Beschäftigung des Dialogs mit philosophisch interpretierter Neurowissenschaft einerseits und Theologie andererseits können in einer Hochschätzung der Bedeutung der Affektivität für menschliches Handeln und Glauben bestehen, aber auch in einer Warnung vor rein subjektivistischen Zugängen zur christlichen Religosität des Menschen, die auch dann, wenn sie nicht reduktiv-neurowissenschaftlich gedeutet wird, mit diesen Deutungen gemeinsame strukturelle Probleme teilt.
Nach seiner Anlage wendet sich das Buch an einen breiten Adressatenkreis: von der Oberstufenschülerin und dem Religionslehrer, über das engagierte Gemeindeglied und den gebildeten interessierten, aber durchaus kirchenfernen Laien bis hin zu Theologiestudierenden. Naturgemäß ist es nicht einfach, eine solche vielfältige Adressatengruppe unter einen Hut zu bringen. Naturgemäß wird man bei diesem Versuch nicht allen Ansprüchen gerecht werden können: Die historische Einführung in die Problemgeschichte zu Beginn des Buches etwa ist recht knapp gehalten und setzt wohl schon Bekanntschaft mit der Geistes- und Philosophiegeschichte voraus, was aber für den Argumentationsgang des Buches kein Schaden ist. Sicherlich könnte man auch kritisieren, dass viele materialethische Probleme, die mit dem Thema verbunden sind, nur angerissen werden und sich das Buch eher auf grundsätzliche Überlegungen beschränkt. Gerade dieses Faktum bildet aber andererseits auch einen positiven Wert, da die Darstellung dadurch für den anvisierten breiten Leserkreis erst rezipierbar wird. Im Großen und Ganzen wird man diagnostizieren müssen, dass dem Vf. seine Aufgabe erstaunlich gut gelingt: Ausgewogene Urteile, die die Vorteile verschiedener Positionen erkennen lassen – auch derer, die der Autor nicht favorisiert –, verbinden sich mit einer dezidierten Positionsbestimmung des Autors, ohne dass diese aufdringlich apologetisch werden würde. Auch wenn gerade unterschiedliche fachtheologische Leserinnen und Leser naturgemäß nicht jeder Problemlösung des Vf. zustimmen werden, so wird man das Buch doch rundherum empfehlen können: Es gibt nicht nur eine Einführung in die neueren philosophischen und religiösen Debatten um die Neurowissenschaften, sondern es bietet – als wohl wichtigste Leistung – auch eine vorzügliche aufklärende Einführung in theologisches Denken für den neurowissenschaftlich interessierten religiösen Skeptiker.
Zeitschrift für Evangelische Ethik (ZEE) 1/2011, S. 66-68.

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