30.11.2010
REZENSIONEN

Rezension von Ulrich Mack

Rezension von Ulrich Mack

„Wir haben das Gottesmodul gefunden“, tönte es vor einigen Jahren durch die Medien. Spätestens seitdem der amerikanische Neuroradiologe A. Newberg zusammen mit E. D’Aquili den Bestseller „Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht“ (2003) veröffentlichte, ist eine neue Dimension der – nun biologisch begründeten – Religionskritik eröffnet. Nach Berichten von Neurowissenschaftlern, dass beim Beten oder Meditieren außergewöhnliche Gehirnaktivitäten in der Amygdala des limbischen Systems, dem Mandelkern hinter dem linken Ohr, zu beobachten seien, stellten Medien, u.a. der SPIEGEL, bald fest, Gott sei nun aufgespürt – und damit in gewisser Weise auch erledigt; die soziale und für die Evolution der Menschheit bisher durchaus wichtige Funktion der Religion sei damit entlarvt. Religiöse Erlebnisse und Vorstellungen seien letztlich nur Hirnprodukte, denen keine Wirklichkeit außerhalb des Gehirns entspreche. Dass Ulrich Eibach, Klinikpfarrer und Professor für Systematische Theologie und Ethik in Bonn, sich mit guten theologischen Argumenten dieser neuen Religionskritik stellt, ist kaum hoch genug zu würdigen. Er leistet auf 152 Seiten beides: Er stellt in gut verständlicher und doch präziser Sprache die neurophysiologischen Forschungsergebnisse und deren Deutungen dar; und er konfrontiert diese kritisch mit klaren theologischen Argumentationen. Eibach stellt zunächst den geistesgeschichtlichen Hintergrund von der Geist/Materie-Frage bei Descartes über die Erkenntniskritik Kants bis hin zur Religionskritik Feuerbachs und der Evolutionslehre Darwins dar und zeigt, dass der „erkenntnistheoretische Reduktionismus“ zu einem – wissenschaftlich keineswegs zwingenden – „ontologisch-reduktionistischen Monismus und Materialismus“ führt. Eine solche Deutung neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse überschätze die Macht der Gene und könne der Komplexität von Körper, Seele und Geist in keiner Weise gerecht werden. Nicht nur Gott selbst werde zum Hirnprodukt erklärt, sondern auch das Subjekt des menschlichen Ich, die Gefühle von Liebe und die Willensfreiheit des Menschen würden geleugnet. Eibach bestreitet nicht, dass Gefühle und Formen religiöser Praxis in bestimmten Hirnregionen besondere neurophysiologische Aktivitäten hervorrufen. Doch er zeigt: Das Gehirn produziert dabei nicht eine vorgetäuschte Wirklichkeit, sondern empfängt Informationen und Botschaften von außerhalb seiner selbst. „Der Empfänger ist weder der Sender noch der Inhalt der Sendung“ (152). Seelisch-geistige Vorgänge korrelieren zwar mit physiologischen Vorgängen, sind aber nicht mit ihnen identisch. Die Neurophysiologie könne weder beweisen noch bestreiten, dass Gott existiert und dass er sich durch das verkündigte Wort und den Heiligen Geist mittels des Gehirns dem „Geist“ des Menschen mitteilt (vgl. Röm 8,15ff; manche Bibelworte öffnen in dieser Debatte übrigens interessante Perspektiven, vgl. S. 81ff und S. 107ff). Eibach leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag zur theologisch-kritischen Reflexion (natur-)wissenschaftlicher Forschung und deren Deutung. Medizintechnische Fortschritte sind zu begrüßen; doch Eibach markiert mit Recht die Grenze zwischen genaueren Messdaten und deren Interpretation. Dabei geht es ihm keinesfalls um eine nur apologetische Verteidigung des Gottesglaubens; die Würde des Menschen steht auf dem Spiel, wenn seine Willensfreiheit geleugnet wird. Eibach plädiert für ein viel weiteres Wirklichkeitsverständnis, in dem der Mensch nicht ein bloßes Objekt von biologischen Mechanismen ist und das „Ich“ keine Marionette des „Es“ bzw. des Gehirns, sondern in dem sich der Mensch als freies Geschöpf Gottes und in seiner Freiheit auch heilsam begrenzt weiß. In einem Kapitel über Nahtoderfahrungen stellt Eibach die Grenzen menschlichen Erkennens exemplarisch dar. „Gott im Gehirn? Ich – eine Illusion“ ist ein wichtiges Buch, das mutig und kenntnisreich einer bereits popularistisch verbreiteten, in jüngster Zeit durch „Der Gotteswahn“ von R. Dawkins verschärften, aber oft wenig reflektierten Religionskritik widerspricht.

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